Didis Bücherturm

Donnerstag, 22. November 2018

Lärm und Arbeit

 Ich wohne in einer ruhigen Wohngegend. Umgeben von einem Friedhof auf der einen, einem Krankenhaus mit Pfarrgarten auf der anderen Seite, einem alten Spielplatz mit vielen schönen Bäumen, dahinter einige Privatgärten. Ich bin eigens hierhergezogen, weil mir am Stadtrand die Leute mit ihren Ganztags-Laubbläsern auf die Nerven gingen, ganz wie die Hobbybastler, die ihre Garagen und Balkone, Dachgauben und Geräteschuppen abwechselnd abreißen und neu bauen mussten und ständig dazwischen Rasen mähten oder Hecken köpften.


Mein selbst gewähltes Idyll dauerte nicht lange. Ein halbes Jahr später wurde gegenüber ein leerstehender Autosalon abgerissen. Das nahe Krankenhaus baute dort seine Kinderpsychiatrie neu auf. Erdaushub und Zertrümmerung des Betons dauerten nur ein paar Tage, der Bau einer Tiefgarage etwas länger. Dann kam daneben das Fundament, das offenbar besonders stabil sein musste. Dicke Betonwände wurden gegossen (das Röhren der Betonmischer klingt noch fast idyllisch in mir nach), dann kamen dicke Platten aus Stahl, mit denen die Wände verkleidet wurden (was hatten die bloß mit den armen Kindern vor?). Der weitere Ausbau ging relativ leise, wenn man das von einer Baustelle behaupten kann. Aber ich sagte ja auch relativ. Jedenfalls wurden dadurch die Geräusche der nahen ICE-Strecke und der benachbarten Industriebahn zum Gaswerk fast unhörbar. Schade. Bahngeräusche sind schließlich kein Lärm, sondern Romantik pur.

Als der kleine Krankenhausneubau fertig war und mir den Blick auf die Jugendstilfassade der alten Schuhfabrik verdeckte, war hier Frieden eingekehrt. Drei Tage oder so. Die nette Dame von oben aus dem Haus, die früh morgens draußen immer ihren LKW warmlaufen ließ (wegen der Bremshydraulik), war längst ausgezogen. Stille. Die Weihnachtsmusik aus Radio und Fernseher ließ sich abschalten. Ein paar Tage konnte ich in Frieden arbeiten.


Dann kehrte der Lärm zurück. Das Hauptgebäude des Krankenhauses wurde umgebaut, um ein paar Stockwerke erhöht, um Nebengebäude ergänzt (u.a. durch eine Pflegeschule, die man heute vom Dach des Gasometers und wahrscheinlich auch aus dem Weltraum wegen ihrer intensiv grünen Farbe sofort erkennen kann). Gleichzeitig begann daneben Erdaushub – oder eher Kies, der so schön von der Baggerschaufel in die leeren Transporter rasselt (die übrigens, wie auch alle anderen Baufahrzeuge, unter dem Fenster meines Arbeitszimmers entlangfuhren, mehrmals am Tag, jeweils hin und zurück). Tieflader brachten riesige Stahlmatten. Es kamen turmhohe Bohrmaschinen. Über mehrere Wochen wurden Löcher in den Grund gebohrt – wenn man ein Hochhaus, und das soll es ja noch werden, auf Kies baut, muss man es besonders tief und sozusagen „gründlich“ gründen. Das Bohrgeräusch (Stahl auf Kies) war wie beim Zahnarzt, nur lauter und durchmischt vom Lärm der Transporter.
Auf der anderen Seite des Hauses entstehen drei Wohnblöcke mit rund 40 Sozialwohnungen. Die katholische Kirche lässt bauen. Da wurde... ratet mal: gebaggert, gefahren, gehämmert, gesägt und so weiter. 

Da man gerade dabei war, wurden in den Nachbarstraßen Rohre und Leitungen für Gas und Glasfaser neu verlegt, die Gräben wieder zugeschüttet und mit einem Vibrationsstampfer verdichtet. Das gab Erschütterungen, die mir die Stecker aus den Steckdosen getrieben haben.

Am Krankenhaus-Neubau wird weiter betrieben, es gibt jetzt eine Baustellenampel, die die Autos (meist Busse und LKW) unter meinem Fenster halten und wieder anfahren lässt. Aber längst gibt es eine neue Lärmquelle: In diesem Haus wird ein kleiner Laden ausgebaut, und zwar direkt nebenan, Wand an Wand zu meinem Arbeitszimmer. Da wird gehämmert, gebohrt, gestemmt, gesägt, geklopft und Vieles mehr, und zwar ganztags, seit etwa acht Wochen. Tag für Tag. Manchmal glaube ich, jetzt ist der Handwerker endlich fertig, setze mich an den Schreibtisch – da hämmert es plötzlich von der anderen Seite an meine Wand, eine Kreissäge jubelt los, und draußen wird – rattatata - der Bodenverdichter vorbeigeschoben.

Ich leide darunter. Meine Arbeit leidet darunter. Es stehen mehrere Buchbesprechungen, ein Zeitschriftenartikel und ein Romanmanuskript aus. Ich muss nachts arbeiten, schlafe tagsüber aber kaum. 


Wie soll das weitergehen? Wo, weiß ich ja schon: Die Krankenhausbaustelle wird noch lange in Betrieb sein, und irgendwann wird dieses Großhospital auch eine Tiefgarage brauchen. Der Kinderspielplatz vor meinem Küchenfenster ist ideal für den Bau der Einfahrt.





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