Didis Bücherturm

Samstag, 25. März 2017

Die Leiden des Korrektors



Wie ihr wisst, biete ich auch Korrektur- und Lektoratsarbeiten an. Nun fragte mich vor einiger Zeit ein Kollege, ob ich seine Erzählungen zu einem Sammelband zusammenstellen könnte. Ich kann hier keinen Namen nennen, das Problem ist auch nicht nur speziell seins, sondern tritt sehr häufig auf, daher sind die folgenden Ausführungen nur ein Beispiel für allgemeine Schwierigkeiten bei dieser Arbeit, aber keineswegs übertrieben. Ich schreibe das hier nicht, um mich zu beklagen, sondern um Euch zu sagen, wie es lieber nicht laufen soll.
Foto: Danke an pixabay

Nun ja, in diesem Fall war es so: Ich kannte einen Teil der Texte, und dass es siebenhundert Seiten werden könnten, fand ich nicht weiter schlimm. Ich könnte, dachte ich, alle die einzelnen Dateien in eine große Hauptdatei kopieren, markieren, gemeinsam formatieren: Schrift, Seitenränder, Absätze, Überschriften. Dann meine Korrekturen anbringen. Ich sagte zu, schätzte meine Zeit, machte einen Freundschaftspreis aus. Dann bekam ich die Dateien zugesandt. Rund 120 einzelne Manuskripte.

Und dann kam der Text …
Teils als Word-Datei, teils eingescannt. Eingescannt! Eine Katastrophe, besonders, wenn ein Text teilweise oder ganz aus jpg-Dateien (also Bildern) besteht. Dann muss ich diese ausdrucken und neu als OCR-Datei in Text verwandeln, und wenn das nicht geht, per Hand abschreiben.
Zwar gibt es inzwischen ganz gute OCR-Software, aber in diesem Fall half mir das nichts. Einige Texte waren aus bereits existierenden Veröffentlichungen, also schon gesetzt, andere waren in verschiedenen Copyshops mit unterschiedlicher Software eingescannt. Die Manuskripte hatten unterschiedliche Schriften und Randbreiten, waren in unterschiedlichen Word-Versionen, hatten Seitenzahlen oben mittig, unten rechts, oben links oder rechts, Kopf- und Fußzeilen, waren hartnäckig kopiergeschützt oder hatten Rahmen, die sich nicht löschen ließen, sondern sich bei dem bloßen Versuch auch in die anderen Texte ausbreiteten.
Anführungszeichen – erst unten, dann oben, beide oben, schräg, gerade, gebogen, französische Zeichen, Schweizer Variante und was sonst noch alles möglich ist, manchmal unterschiedlich in einem Satz.
Adressenstempel am Rand, oft sogar schräg – das gibt abenteuerliche grafische Effekte, mitunter reif für die moderne Kunstgalerie. Ha, und erst die autoreigenen Korrekturen – getippext oder einfach gleich mit Schreibmaschine überschrieben, handschriftlich über das Wort (winzig), an den Rand (nur zur Hälfte mit eingescannt) oder nochmal durchgestrichen und mit Sternchen versehen, dass dann nirgendwo hinführt. Oft habe ich solche Texte mehr geraten als korrigiert, und einmal kam dabei ein vollkommen neue Geschichte heraus.
Insgesamt eine Heidenarbeit, und mehrmals stand ich kurz davor, einfach aufzugeben und unter entsprechendem Protest zurückzusenden. Aber es war nun mal ein Freundschaftsdienst, ein verhältnismäßig kleiner Dank dafür, dass der betreffende Kollege mir in der Vergangenheit schon mehrfach aus der Patsche geholfen hat. Natürlich habe ich ein Honorar dafür bekommen, aber es stand in keinem Verhältnis zum Zeitaufwand: Da sich entgegen meiner ursprünglichen Annahme die Texte nicht einfach in eine große Datei kopieren und zusammen formatieren ließen, hatte ich jede Menge Detailarbeit. Jede einzelne neu in die Hauptdatei kopierte Geschichte vernichtete oder veränderte die bisherige Formatierung, nichts blieb wie es war. Der Autor ist Meister der Pünktchen-Auslassung: Drei Pünktchen direkt am Wort, ohne Leertaste, oder mit Leertaste nur davor statt dahinter, Leertasten zwischen den einzelnen Pünktchen, mal mit einem Komma dazwischen, dann nur zwei oder aber vier Pünktchen …
Mit der nötigen Vereinheitlichung, dem Entfernen von Trennstrichen und der Verortung von wörtlicher Rede im „zuständigen“ Absatz habe ich deutlich mehr als 12.000 Einzelkorrekturen durchgeführt.

Nie, nie wieder?
Vielleicht doch. Ich habe eine Menge übers Formatieren gelernt, habe Verständnis dafür gefunden, dass ein Verlag ein Manuskript nahezu ungelesen zurückschickt (oder in den Papierkorb steckt), habe wieder einmal deutlich mitbekommen, dass ein Manuskript mehrfach gelesen werden muss – vom Autor, von einem Freund, vom Korrektor, vom Lektor – selbst wenn deutlich weniger darin steckt. Mein Fazit ist nur, einen Text erst weitgehend zu lesen, bevor man ein Preisangebot macht, oder sich nach Stunden bezahlen lassen. Doch das ist unter Freunden natürlich manchmal schwierig.

Interner LINK zum Thema in diesem Blog
 
Neu: 100 mal die „Linkwundertüte“!
meine Linktipps stehen in der Regel nicht im Zusammenhang mit dem darüberstehenden Beitrag, sondern sind ein kleiner Sonderservice für Schreibende – die Technik des Schreibens betreffend, Recherche, interessante Berichte in Magazinen und anderen Blogs usw. – immer eine kleine Überraschung!).
Heute:
Linkwundertüte - Tipp 1/100
Zum Thema „Digitaler Nachlass“ - ein interessanter Beitrag aus der „Selfpublisherbibel“.


Keine Kommentare:

Kommentar posten

Vielen Dank für Deinen Kommentar!