Didis Bücherturm

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Duft nach Weiß


Es kommt nicht oft vor, dass ich einen Roman zu lesen beginne und mir die Zeit nehme (d.h. andere Aufgaben einfach liegen lasse), um es auf einen Rutsch zu verschlingen. Ich meine jetzt nicht die Unterhaltungsromane, mit denen ich mir Wartezeiten beim Arzt oder lange Fahrzeiten in der Straßenbahn erträglich mache, sondern ich meine Bücher, die mir plötzlich wichtiger werden als alles andere und für die ich bereit bin, Lebenszeit zu opfern, weil ich merke, das ich mehr zurückbekomme als das bisschen Zeit, das ich dafür gebe. Zuletzt ist mir das passiert mit "Duft nach Weiß" von Stefanie Gregg (Pendragon Verlag).
Zunächst hat es mich irritiert, dass es hier mehrere separate Handlungsstränge gibt, die auch noch zu unterschiedlichen Zeiten spielen, und anfangs weiß der Leser nicht, was diese Personen und Handlungen miteinander zu tun haben. Das Lesen wäre mir zumindest am Anfang schwer gefallen, wenn nicht die Kapitel zur Verdeutlichung jeweils mit einer Jahreszahl und einer Ortsangabe überschrieben wären. Doch nun kristallisiert sich schnell eine Geschichte heraus, die Geschichte der jungen Bulgarin Anelija, die mit ihrem Freund unterwegs ist in ihre alte Heimat, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen, die ihr in Deutschland nicht oder nur unter Schwierigkeiten gewährt würde. Während der Fahrt kommen die Erinnerungen - die Motive, Sehnsüchte, realen Erfahrungen, Enttäuschungen, und die Geschichte entwickelt sich zu einem spannenden Geflecht.
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Anelija hat als junge Frau, noch nicht ganz erwachsen, ihre Heimat unter Lebensgefahr verlassen, um bei ihrer Mutter in Deutschland zu sein, die immer wieder in Briefen versprochen hat, zu ihr nach Bulgarien zu kommen, wo Anelija bei der Großmutter und der Urgroßmutter in einem totalitären System lebte. Die beiden alten Frauen und das Kind haben sich jeweils auf ihre Weise arrangiert, weil es für sie keine andere Möglichkeit gab: Die "Baba" kannte in ihrem Leben nichts anderes als das Dasein einer Bauersfrau, die kleine Anelija kannte nichts anderes als das Leben eines Kindes, irgendwo. Kinder bauen sich ihre Welt zusammen aus den Bruchstücken ihrer Erlebnisse, aus dem, was um sie herum vorhanden ist, denn sie kennen keinen Vergleich zu etwas Anderem. Sie machen das beste aus dem, was die Welt ihnen bietet: "In der Schule war ich glücklich", heißt es zu Beginn eines der Anelija-als-Kind-Kapitel, und nur wir Erwachsenen sind, als beobachtende Leser, in der Lage, die Tücken des totalitären Regimes dahinter zu erkennen, die Indoktrination, das Wirken bis tief in das Alltagsleben hinein. Und dieses Glücklichsein ist nur die Oberfläche - Anelija leidet in Wirklichkeit unter den Einschränkungen, denen sie allseits begegnet, und oft machen ihr diese Einschränkungen Angst, besonders, wenn von ihrer Mutter als "Staatsfeind" gesprochen wird. Dass sie ohne Vater lebt, fällt für sie zunächst nur durch die Hänseleien der Schulkameraden ins Gewicht.
In ihrer Kinderzeit bekommt Anelija immer wieder Briefe von ihrer Mutter aus Deutschland, das bald zum Land ihrer Sehnsucht wird. Wenn die Mutter aber nicht zu ihr kommt, will sie bei ihrer Mutter sein. Sie träumt von dem Land, wo diese ist - Deutschland ist so weiß wie das Papier, auf dem die Briefe geschrieben sind. Ein unschuldiges Weiß, auf dem doch Lügen und Ausflüchte stehen, wie sie später erfahren muss.
Anelija lernt Deutsch, richtet ihr ganzes Leben nach ihrer Sehnsucht aus, wagt die Flucht in einem Kühllaster, die sie fast das Leben kostet (damit beginnt der Roman übrigens, und diese gefährliche Flucht erinnert an ein reales Ereignis in jüngster Zeit, was den Leser natürlich zusäzlich um die Heldin bangen lässt).
Flucht ist eigentlich hier das falsche Wort - es geht nicht darum, irgendwo weg zu kommen, sondern irgendwo hin, zur Mutter, der das plötzliche Auftauchen des fast erwachsenen Kindes peinlich und sogar eine Katastrophe ist. Entsprechend ist Anelija dann erst einmal orientierungslos. Ihr großer Traum hat sich nicht erfüllt. Ihre Mutter war damals mit einem Kind überfordert, hatte ganz andere Wünsche und Sehnsüchte und hat sich diese Wünsche nach einem besseren Leben größtenteils erfüllt - im Grunde geschah das auf Kosten der Kleinen und war, meiner Ansicht nach, auch nichts anderes als die Abtreibung, zu der Anelija heute unterwegs ist.
Es gibt über diese Geschichte, die mit so ruhigen Worten erzählt wird und doch hochdramatisch ist, noch so viel zu sagen. Ich habe hier einen Handlungsstrang völlig unbeachtet gelassen, nämlich den des Schriftstellers Markow, der anfangs mit dem Diktator persönlich vertraut ist, dann aber in Ungnade fällt und das Land verlässt, um zu einem der wichtigsten propagandistischen Gegner des Regimes zu werden. Er arbeitet für diverse Radiosender und Zeitschriften und ist dem Regime in Bulgarien ein Dorn im Auge. Der Geheimdienst wird beauftragt, ihn zu beseitigen, und es kommt zu dem bekannten "Regenschirmmord" der weltweit durch die Presse ging. Wie diese Geschichte mit den Ereignissen um Anelija und ihre Familie verknüpft ist, wird erst ganz allmählich klar, und die dadurch entstehende Spannung will ich hier dem Leser nicht rauben.
Ich habe diesen Roman gern gelesen und werde es bestimmt noch ein zweites Mal tun, denn er ist vielschichtig, stellt eine Vielzahl von Fragen und gibt auf manche eine Antwort. Am Ende steht man zum Beispiel der Erkenntnis gegenüber, dass die Motivation, ein totalitäres Land zu verlassen, nicht nur rein politisch oder wirtschaftlich begründet sein muss, sondern eine vielschichtige Sehnsucht nach Freiheit und einem Neuanfang beschreibt - ein guter Anlass, darüber nachzudenken, besonders in unseren Zeiten.

Stefanie Gregg: Duft nach Weiß

Pendragon, 15,00 €, SBN: 978-3-86532-552-5

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